Bestattungs- und Trauerrituale im Judentum
Die Juden glauben wie die Christen an ein neues, nicht-irdisches Leben nach dem Tod. Daher werden jüdische Gläubige nicht verbrannt, sondern in Erdgräbern bestattet.
Während der Trauerzeit vor der Beerdigung sind die Angehörigen des Verstorbenen von den religiösen Pflichten - dazu gehört auch das Gebet - befreit. Ursprünglich kümmerten sich die Angehörigen in dieser Zeit um die Vorbereitung der Bestattung. Seit dem 19. Jahrhundert übernimmt dies eine Institution namens Chewra Kadischa (Heiliger Verein). Es gibt sie in fast allen Gemeinden. Die Mitgliedschaft gilt als fromme Pflicht.
Zu den direkten Vorbereitungen der Beerdigung gehören die rituelle Waschung des Toten sowie das Anlegen der Totenkleidung und der Kopfbedeckung. Alle Toten tragen weiße Totenkleidung und erhalten einen einfach gehaltenen, hölzernen Sarg, der in der Regel von der Gemeinde geliefert wird.
Die Bestattungszeremonie selbst beginnt mit einer Trauerfeier in einem dafür vorgesehenen Raum auf dem Friedhof. Die Trauerrede hält der Rabbiner, ein Lehrmeister der jüdischen Religion. Andere Redner können sich daran anschließen. Es folgt ein festgelegtes Gebet, danach wird für das Seelenheil des Toten gebetet. Nahe Angehörige reißen ihre Kleidung am Kragen ein Stückchen ein. Der Riss wird erst nach der Trauerzeit wieder vernäht. Der Gang zum Grab wird mehrmals unterbrochen, um die Mühsal des Weges anzudeuten. Am Grab findet zuerst die Beisetzung statt. Dann wirft jeder Anwesende drei Hände mit Erde auf das Grab. Der Rabbiner spricht ein Wort aus dem ersten Buch Mose: “Von Staub bist du und zum Staub wirst du zurückkehren”
(1. Buch Mose, Kapitel 3, Vers 19). Danach wird das Kaddischgebet von zehn jüdischen Männern gesprochen und den Angehörigen kondoliert. Vor Verlassen des Friedhofs müssen, wie bei jedem Friedhofsbesuch, die Hände gewaschen werden. Traditionell gibt man am Ausgang ein Almosen in ein dort aufgestelltes Behältnis.
Das Judentum teilt die Zeit nach der Beerdigung in drei Trauerperioden ein. Als erste erfolgt das Schiwa-Sitzen für sieben Tage. Hierbei sitzen die Trauernden auf der Erde oder einem harten Schemel und lesen aus der heiligen Schrift. In dieser Zeit schert man sich nicht Haupt- und Barthaar, feiert kein Fest und vermeidet es, Musik zu hören. Es darf währenddessen auch keine Arbeit verrichtet werden.
Dreißig Tage nach dem Todestag erfolgt die Zeit der Scheloschim, in der ebenfalls kein Fest gefeiert werden darf. Die dritte Trauerperiode, Awelut, wird nur für die Eltern gehalten. Awelut endet nach dem Ablauf von zwölf jüdischen Kalendermonaten, vom Todestag ausgehend gerechnet. Während dieser Zeit sollten Festlichkeiten vermieden werden. Nach dem Ablauf von Awelut darf öffentlich keine Trauer mehr zur Schau gestellt werden.
Bilder: Arzu Tuncel