Bestattungsrituale im Hinduismus
Der Hinduismus kennt viele Rituale für die Bestattung von Verstorbenen. Für deren Einhaltung sind Priester zuständig.
Direkt nach dem Tod wird ein Feuerritual durchgeführt, bei dem Wassertöpfe und ein Tontopf gesegnet werden. Sie finden im weiteren Verlauf der Bestattung Verwendung. Das Feuerritual vollführt derjenige, der am meisten trauert, beim Tod der Mutter etwa der jüngste Sohn. Anschließend wird der Verstorbene von der Familie gewaschen, gesalbt und in weiße, schmucklose Tücher gewickelt. Schmucklos müssen sie sein, damit die Seele des Toten nicht abgelenkt wird. Manchmal erhält der Verstorbene auch neue Kleider.
Nach der Vorbereitung des Toten erfolgt die Aufbahrung. Da nur die Männer an der eigentlichen Bestattung teilnehmen, vollführen Frauen und Kinder ein eigenes Abschiedsritual. Sie umkreisen den Aufgebahrten nacheinander. Dabei singen die Kinder Hymnen und die Frauen bieten dem Verstorbenen Reis als Gericht für die Reise an.
Hinduisten glauben an einen Kreislauf des Lebens, der aus Wiedergeburten besteht. Dabei beeinflussen die Verdienste im vorherigen Leben die Wiedergeburt des Atman, des Selbst des Verstorbenen. Auch die Priester versuchen, Einfluss auf die Wiedergeburt des Toten zu nehmen, indem sie ihm Mantren zusprechen. Damit das Atman nun nicht am Körper des Verstorbenen haften bleibt, muss der Körper vollständig verbrannt werden.
Die Verbrennung findet entweder auf einem der speziell dafür vorgesehenen Plätze statt. Diese liegen meist in der Nähe von Flüssen, da man dem Wasser - wie dem Feuer - magische Kräfte zumisst. Aber auch Einäscherungen in Krematorien sind heute üblich.
Traditionell wird der Verstorbene von Angehörigen mehrmals um einen Holzstoß herum getragen und dann darauf gesetzt. Anschließend muss der am meisten trauernde Angehörige den Holzstoß ebenfalls mehrmals umkreisen, wobei er den oben erwäh-
ten Tontopf trägt. Dieser ist mit Wasser gefüllt. Bei jedem Weg um den Holzstoß bohrt ein Angehöriger ein Loch in den Topf, so dass das Wasser als Zeichen für das Verlassen des Lebens aus dem Topf fließt. Nach der dritten Umkreisung zerschmettert der “Haupttrauernde" den Tontopf auf dem Boden, um das Ende des Lebens zu signalisieren. Dann zündet er mit abgewandtem Gesicht den Holzstoß an und verlässt den Verbrennungsort. Allerdings ist es heute auch möglich, der Verbrennung beizuwohnen.
Eine besondere Bedeutung kommt dem Aufbrechen des Schädels bei der Verbrennung zu. Es verdeutlicht den Hindus, dass die Seele den Körper verlässt und nun bereit zur Wiedergeburt ist.
Die Asche wird in einem fließenden Gewässer beigesetzt, oft zusammen mit Blumen. Der wichtigste Fluss für eine Bestattung ist der Ganges, da er als Heiliger Fluss verehrt wird.
Nach der Bestattung gelten die Angehörigen eine Zeit lang als unrein, weshalb sie sich nach der Zeremonie waschen und baden. Aufgrund ihrer Unreinheit sind sie auch für eine Zeit von Tätigkeiten wie dem Besuchen des Tempels befreit. Auch das Haus wird anschließend gemeinsam gereinigt. In dieser Zeit bringen Nachbarn den Hinterbliebenen Speisen, damit ihnen das Trauern erleichtert wird.
Ebenfalls nach der Bestattung - an einem ungeraden Tag - findet ein gemeinschaftliches Mahl statt. Hier wird das Lieblingsgericht des Verstorbenen gereicht, von dem man einen Teil an einem verlassenen Ort zurücklässt.
Spätestens einen Monat nach der Verbrennung wird das Shraddha-Ritual durchgeführt. Bei dieser Totenfeier opfert einer der männlichen Nachkommen den Ahnen und den Totengeistern Klöße aus Reis. Kann dieses Ritual nicht ausgeführt werden, weil es keine männlichen Nachkommen gibt, gilt das als Unglück, da der Verstorbene nun nicht wiedergeboren werden kann und im Geistreich verbleiben muss. Das Shraddha-Ritual wird jedes Jahr wiederholt, solange wie die männlichen Nachkommen leben. Durch die Verehrung der Ahnen können sich die Nachkommen Verdienste erwerben, die ihre Wiedergeburt begünstigen.

Bilder: Arzu Tuncel