Abschied nehmen
Es ist ratsam, sich mehr Gedanken über das Leben als über das Sterben zu machen. Doch für jeden gibt es persönliche Zeiten, in denen Erfahrungen mit unserer eigenen Vergänglichkeit im Vordergrund stehen.
Da die Zeit zum Leben begrenzt ist, kommen wir nicht umhin, uns mit dem Tod auseinander zu setzen. Es geht dabei nicht nur um den großen Tod am Ende des Lebens, sondern auch um die Trennungen und Abschiede während des Lebens: Verlust von Wünschen, von Werten, von Heimat, von Möglichkeiten, von Erinnerungen, Verlust von Arbeitsplätzen, von Geld, von Wohnungen, von Mitteln, die unsere Existenz sichern. Wir verlieren unsere körperliche Mobilität, ein Körperteil oder ein Organ. Lebenspartner und Freunde bis hin zu den eigenen Kindern verlassen uns. Mit ihrem Tod verlieren wir vielleicht ein großes Stück unserer Welt. Mit dem eigenen Tod verlieren wir alles, was uns wertvoll ist.
Eine Vielfalt von Gefühlen begleiten diese Verlusterfahrungen: Angst, Wut, Aggression, Unverständnis, Ratlosigkeit, Schuld, Gelähmtheit, Stummheit, Sprachlosigkeit, Hilflosigkeit, Resignation, Ohnmacht, Trotz. Zweideutige Gefühle können zu Verwirrung, Irritation und Verzweiflung führen. Angenehme Gefühle wie Entlastung, Erlösung, Befreiung, Frieden, Gefühle der Sanftheit, der Stimmigkeit, der Richtigkeit und der Klarheit sind nicht selten. Glücksgefühle zum Beispiel darüber, dass etwas zu Ende geht, die richtigen Worte gesprochen zu haben, nichts versäumt zu haben, mischen sich mit Gefühlen der Zuneigung, Verbundenheit und Liebe.
Trauern heißt, sich mit all diesem Gefühlen aktiv auseinander zu setzen. Doch ist das persönliche und intime Reden über die eigenen Erfahrungen mit Abschied, Sterben und Tod immer noch nicht selbstverständlich. Weil das Erleben für den Einzelnen neu und unter Umständen emotional tiefgreifend ist, bestehen Bedenk-
en, sich einem anderen Menschen anzuvertrauen, fehlen oft Gesprächspartner, die Offenheit signalisieren statt Vermeidung.
Ob wir vom Leben anderer oder von unserem eigenen Leben Abschied nehmen, ob sich Menschen von uns gewollt oder unfreiwillig trennen: Immer geht es darum, sich die Zeit zur Selbstbesinnung zu nehmen und zu erneuter Selbstbestimmung zu gelangen. Wenn wir wirklich fähig sind diese notwendige Trauerarbeit zu leisten, dann realisieren wir, dass alles zu Ende geht und dass wir fortgesetzt lernen müssen, los zu lassen. Die Trauer führt uns letztlich zu unausweichlichen Fragen über den Sinn unseres Lebens: Warum ich, warum jetzt? Warum diese Enttäuschung, warum dieser Schmerz, dieses Leid? Warum das alles überhaupt?
Die meisten Menschen wünschen sich einen schnellen und schmerzfreien Tod. Sie fürchten mehr das Sterben als den Tod, weil sie Angst haben vor Hilflosigkeit und vor dem Schmerz. Der körperliche Schmerz kann durch die Palliativmedizin und -pflege immer besser bewältigt werden. Der seelische Schmerz darüber, dass mein eigenes oder das Leben eines anderen Menschen zu Ende geht, braucht andere Beruhigungsmittel: Raum und Zeit über die Angst vor dem Tod zu sprechen und Beistand an den Grenzen des Machbaren.
Trauern bedeutet für den Sterbenden wie für denjenigen, der weiterleben wird: den Tod wahrzunehmen, ihn als Tatsache des Lebens zu akzeptieren und ihn zu verstehen als Hinweis, sich dem verbleibenden Leben zuzuwenden. Trauern heißt nicht stehen zu bleiben, sondern innerlich weiterzureifen, um den anstehenden Schritt, die nächste Aufgabe bewältigen zu können, bis wir das Sterben meistern müssen.
Trotzdem kann die zerstörerische Dimension des Todes gewaltig sein, die Grausamkeit des Sterbens größer sein als unsere Fähigkeit damit zu leben. Wenn Gefühle von Leerheit und Depression übermächtig werden, ist es Zeit von anderen Hilfe anzunehmen, im Leben wie im Sterben, damit beides besser gelingen kann.
Bilder: Arzu Tuncel