Trauernden begegnen
Die Auseinandersetzung mit dem schweren Verlust anderer Menschen verunsichert oft. Um sich angemessen verhalten zu können, sollte man sich seiner eigenen Grenzen bewusst sein. Offene Kommunikation klärt die Möglichkeiten: Welche Bedürfnisse hat mein Gegenüber, was will und kann ich geben?
Manchmal haben wir völlig unvermittelt an den Kümmernissen anderer Menschen teil. Wir spüren ihre Gefühle. Egal ob sie uns sehr nahe stehen oder uns eine lockere Bekanntschaft verbindet. Der Anruf einer Freundin nach ein paar Tagen überrascht, denn gewöhnlich hört man nur alle paar Wochen voneinander: Die Diagnose sei tödlich. Die SMS, die deutlich macht, dass jemand schon mehrmals versucht hat, in Verbindung zu treten, aber keinen Anschluss bekam: “Rolf ist tot, er wurde überfahren. Brauche Dich, rufe schnell zurück.“ Die Frau in der Eisdiele hat ihren achtjährigen Sohn durch einen Unfall vor ein paar Wochen verloren: Sie spricht und weint, als sie dem Jungen vom Nachbartisch beim Eisessen zuschaut.
Gefühle lassen uns in der Regel nicht kalt. Sie wurden von der Natur ermöglicht, damit Lebewesen sozial effektiver miteinander kommunizieren können. So sehen wir die Tränen oder hören das Weinen - sogar unsere Vorstellung darüber reicht aus - und unser Körper empfindet diese Gefühle augenblicklich. Unsere Gefühle können uns aber auch lange verborgen bleiben: Eine Frau etwa, die weiß, dass der Abschied zu ihrem Mann ein langer Abschied werden wird, weil er schon lange die Erinnerung an sie durch seine Demenz verloren hat, bemerkt ihre eigene Traurigkeit vielleicht erst durch ihre Tränen.
Wenn wir einem Trauernden begegnen, erfassen wir bei einer gewissen Sensibilität sehr schnell, dass ein Mensch vor uns steht, der etwas Wichtiges in seinem Leben verloren hat. Seine Gefühle haben sein Selbstverständnis verändert, vielleicht sogar seine Existenz bedroht. Es ist daher nicht verwunderlich, dass viele, die einem Trauernden unvorbereitet begegnen, instinktiv eine Verunsicherung spüren. Umgehend konkurrieren verschiedene Handlungsmöglichkeiten miteinander: Ich kann weglaufen, weil ich mich grundsätzlich oder gerade jetzt dem Schmerz des Verlustes nicht gewachsen weiß. Ich kann hineinfallen in das Gefühl der eigenen Traurigkeit. Beides lässt sich nicht immer verhindern. Wichtig ist, sich bewusst zu machen, was geschieht und dies so redlich wie möglich dem trauernden Menschen mitzuteilen: Ich bin so sprachlos. Ich kann nicht zu Dir kommen, weil mich Dein Schmerz so ergreift, dass ich Dir keine Hilfe sein kann. Das ist ehrlich. Das schafft unter Umständen sogar eine Ausgangsbasis für ein gemeinsames Gespräch.
Wenn ich von mir aus den Kontakt zu einem Trauernden aufnehmen möchte, wenn ich mein Mitgefühl zeigen will, dann kann es hilfreich sein, sich darüber klar zu werden, auf welche Weise dieser besondere Beziehungsraum eröffnet werden soll. Möchte ich eine Karte schreiben und meine Gefühle darin zum Ausdruck bringen? Möchte ich mit einem Telefonat deutlich machen, dass ich für ein Gespräch zur Verfügung stehe. Wie viel Ruhe, Geduld, Konzentration und Aufmerksamkeit kann ich aufbringen? Bin ich in der Lage einfach da zu sein, ohne Erwartungen daran zu knüpfen, dass der andere über dieses oder jenes doch jetzt eigentlich sprechen müsste?
Bevor ich über meine eigenen Erinnerungen spreche, kann ich einen trauernden Menschen vorsichtig anfragen, ob er überhaupt bereit ist, etwas darüber zu erfahren. Der Vorschlag, gemeinsam zum Friedhof zu gehen oder ein gemeinsames Essen zu planen, kann angenommen oder abgelehnt werden. Die Entscheidungshoheit liegt auf der Seite des Trauernden. Es geht in der Trauerarbeit um eine Reorganisation des Selbstverständnisses eines einzelnen Menschen. Er braucht ein Gegenüber, um wieder ganz zu sich selbst zu finden. Deshalb ist es sinnvoll, sich als Gesprächspartner anzubieten. Trauernde werden manchmal aber auch den Wunsch äußern, alleine zu sein. Sie möchten zurückfinden zu dem, was sie von sich selbst verloren haben, werden an ihr Alleinsein erinnert. Darin liegt die Chance zur Selbsterneuerung.
Mit einem trauernden Menschen in Verbindung zu bleiben, ist manchmal anstrengend: Unendlichkeitsschleifen in Form einer dauernden Wiederholung des immer gleichen Satzes können die Verzweiflung ins Extreme wachsen lassen. Trauernde zu begleiten, ruft beizeiten aber auch ganz andere Gefühle hervor. So kann sich plötzlich Dankbarkeit einstellen, dass meine Familie mit mir lebt, nachdem ich Menschen besucht habe, die nach Jahren der Pflege nun den Tod der Mutter und Ehefrau bewältigen. Mit solch unterschiedlichen Emotionen muss ich rechnen, wenn ich mich an ein Krankenbett setze, wenn ich mich mit einem Freund treffe, der seine Lebensgefährtin gerade verloren hat. Deshalb ist es notwendig, auch über die eigenen Grenzen zu reflektieren und zu prüfen, was man einem anderen geben kann und möchte.
Beim anderen sein und gleichzeitig bei mir selbst - das ist die große Kunst der Trauerbegleitung. Der Traurigkeit der Freundin oder der Unbekannten in der Eisdiele einen Moment der Zuwendung schenken, damit sie sich zeigen kann, ist ein Beitrag zur Kultivierung unseres Lebens. Die Erfahrung und Besonderheit dieses einzigartigen Verlustes soll zur Sprache kommen. Der Trauernde will zu seiner eigenen Wahrheit über sein Leben finden. Darauf hat er ein Recht, das ihm zusteht. Gegenseitig können wir uns dieses Grundverlangen einräumen, wenn wir uns die Zeit nehmen, zuzuhören und die Zeit geben, trauern zu dürfen.
Bilder: Arzu Tuncel