Mit Kindern trauern
Von früher Kindheit bis in die Jugendjahre macht jeder Mensch verschiedene Entwicklungsstufen durch, in denen die Auseinandersetzung mit dem Tod sich verändert. Erwachsene, die Kinder dabei begleiten, sind gefordert, deren Tempo zu gehen. Wichtig ist dabei, den Tod weder zu verleugnen, noch zu dramatisieren oder zu banalisieren.
Irgendwann in der Wiege der Menschheit hat der Mensch das Bewusstsein für seine eigene Endlichkeit entwickelt. Und so erlebt jedes Kind individuell relativ früh in seiner Kindheit, dass das eigene Leben nicht unbegrenzt ist, dass es selbst als Mensch nicht unendlich lange leben wird. Das ist der Zeitpunkt, wo sich das Bewusstsein für den Tod entwickelt: “Mama, ich möchte nicht älter werden. Wenn ich älter werde, wirst du auch älter. Und wenn du älter wirst, wirst du sterben. Und dann werde ich auch sterben.” Der Tod ist für Kinder ein großes Rätsel.
Eine ihrer größten Entwicklungsaufgaben besteht darin, mit der Furcht vor Hilflosigkeit und Vernichtung umzugehen. Sie durchlaufen dabei vom Kleinkindalter bis zum Jugendalter Entwicklungsstufen in ihrer Bewusstheit des Todes und in den Methoden, die sie anwenden, um mit den unterschiedlichen Verlusterlebnissen ihrer Kindertage umzugehen: ein toter Vogel muss auf den Baum gesetzt werden, weil er wieder fliegen soll. Ein Blatt, das vom Baum fällt, soll wieder am Baum befestigt werden. Für kleinere Kinder gibt es den Tod als Endgültigkeit oft gar nicht. Sie stellen sich ihn vor wie ein reduziertes Leben oder nur als vorübergehende Erscheinung. Ältere Kinder realisieren den Tod von anderen, meinen aber, selbst niemals sterben zu müssen.
Tote Katzen, Hunde oder Meerschweinchen, verlorene Puppen und Teddybären, der Tod des Ehemanns einer Erzieherin im Kindergarten, die Erfahrung, dass Oma oder Opa nicht mehr da sind: All das gehört zu den “Urerfahrungen”, von denen Erwachsene später berichten, wenn sie sich an ihre ersten Auseinadersetzungen mit dem Sterben und dem Traurigsein erinnern. Wenn man Kinder in schwierigen, verlustreichen Zeiten begleiten will, ist es ein guter Anknüpfungspunkt, sich an eigene Kindertage zu erinnern und zu spüren, was damals hilfreich oder hemmend war: Wann es angebracht ist, mit dem Kind zu reden, wann zu schweigen, Gefühlen einen weiten Raum zu geben oder Gefühle zu beruhigen.
Mit Kindern trauern heißt, sich von ihnen an der Hand nehmen zu lassen, mit ihnen zu gehen, sich auf ihr Tempo einzulassen, nicht vorauszueilen und sie vor allen Dingen nicht zu verwirren. Ein Kind kann tot traurig sein, weinen und schreien, aber im nächsten Moment wieder zum Spielen übergehen. Es kann eine Frage stellen, will aber nicht unbedingt eine Antwort darauf haben. Kinder haben ein großes Vermögen, die für sie heilsamen Wege zu beschreiten, um mit den vielfältigen Gefühlen ihrer Trauer umzugehen.
So wollen Kinder zum Beispiel ganz genau wissen, wie jemand ge-
storben ist, was zum Tode geführt hat und warum Menschen überhaupt sterben. Sie können sich unter Um- ständen gut in andere Menschen hineinversetzen, die ebenfalls von dem Verlust bedroht sind. Sie sind neugierig und offen auf die Veränderungen, die der Tod mit sich bringt. Sie starten mitunter Aktionen, die zum Ziel haben, sorgsamer mit dem Leben umzugehen: schreiben etwa Briefe an die Nachbarn und machen darauf aufmerksam, dass eine Katze überfahren wurde, weil die Autos in der Straße zu schnell fuhren. Kinder malen und schreiben, spielen das Sterben in Rollenspielen nach, finden Lieder, die zu ihrer Trauer passen. So gelingt es ihnen, das Verlusterleben in ihren Alltag aufzunehmen.
Im Grunde fordert ein Kind, das trauert, weil es etwas verloren hat, was für sein Leben wichtig war, seine Begleiter zweifach heraus: Zeit zu haben, sich Zeit zu nehmen und Zeit zu geben - für das Kind und für sich selbst. Habe ich wirklich herausgehört, was das Kind wissen will? Kann ich die Vorstellungswelt des Kindes nachvollziehen? Weiche ich mit meinen Verhalten nicht aus, sondern gebe mit leichten und einfachen Antworten dem Kind eine Orientierung. Ein Kind zu trösten darf nicht bedeuten ein Kind zu vertrösten. Sie haben ein Anrecht auf Geduld und Ehrlichkeit. Der Opa ist tot und wird nicht wieder kommen. Die Freundin wird keine Briefe mehr schreiben. Besonders Kleinkindern, die jede atmosphärische Gestimmtheit wahrnehmen, hilft eine beruhigende und sanfte Eindeutigkeit: Papa ist nicht mehr da und kommt nicht wieder.
Wenn Erwachsene den Tod nicht verleugnen, nicht dramatisieren und nicht banalisieren, sondern ein Kind auf einen Verlust vorbereiten und seinen Wünschen und seinem Alter entsprechend in die Prozesse des Sterbens, des Todes und in die Abschiedsrituale mit einbeziehen, dann kann es einen guten Raum finden, um seine Gefühle mit anderen zu teilen. Es kann aktiv Abschied nehmen. Kinder spüren oft sehr genau, was sie verkraften können. Ihre Phantasie beschützt sie und hilft ihnen innerlich weiter zu reifen. Wenn sie eigene Bilder über den Tod entwickeln oder darüber, wie sie sich das Leben nach dem Tod vorstellen, spiegeln sich darin mitunter ihre Ängste, aber auch ihre Hoffnungen.
Wichtig ist, mit ihnen über alles zu sprechen, was sie bewegt. So erleben Kinder selbstverständlicher, dass zum Leben auch der Tod gehört. Wenn sie dabei merken, dass sie nicht alleine sind, wird ihnen ihr Leben bald wieder Freude machen. Kinder sind außerdem wunderbare Lehrmeister: Sie können uns auf vieles aufmerksam machen, was wir vergessen haben. Sie geben dem Leben die Chance, seine Gesetzmäßigkeiten tiefer zu begreifen. So setzt die Trauer des Kindes Liebe und Zuwendung frei - und das genau brauchen sie, um Trennung und Tod mehr und mehr in ihr Leben zu integrieren. Wenn ein Kind jedoch sehr früh wichtige Bezugspersonen wie Eltern oder Geschwister verliert, durch einen plötzlichen Tod schockiert reagiert oder über lange Zeit sich immer mehr in sich zurückzieht, dann ist es notwendig über die Ratgeberliteratur hinaus sich einem Arzt oder Psychotherapeuten anzuvertrauen.
Bilder: Arzu Tuncel