Sterbehilfe in Deutschland
In sehr unterschiedlichen Situationen können der Wert des Lebens, die Würde des Menschen und der Wunsch, Leiden zu beenden in Widerspruch geraten. Der Sterbehilfe ist in Deutschland ein enger rechtlicher Rahmen gesetzt. Ein Grundsatzurteil des BGH vom 25.06.2010 hat in diesem Zusammenhang ausdrücklich den Patientenwillen gestärkt.
Mit Sterbehilfe kann zum einen "Hilfe im Sterben" gemeint sein. Das umfasst Unterstützung Sterbender durch Pflege, schmerzlindernde Behandlung sowie menschliche Zuwendung. Hilfe in diesem Sinne ist unumstritten. Entgegen früheren Auffassungen bewirkt das Verabreichen schmerzlindernder Medikamente nur in ganz seltenen Fällen einen vorzeitigen Tod des Patienten, eher verlängert er dessen Leben geringfügig. Bei stark leidenden Patienten kann das Nicht-Verabreichen schmerzstillender Mittel sogar als Körperverletzung (§§ 223-230 StGB) oder unterlassene Hilfeleistung (§ 323c StGB) aufgefasst werden.



Zum anderen kann mit dem Begriff Sterbehilfe aber auch "Hilfe zum Sterben" gemeint sein. Sie bezeichnet dann das Töten oder Sterbenlassen eines sterbenden, schwer kranken oder leidenden Menschen. Ob dies überhaupt zulässig ist - und falls ja: wann und wie - wird kontrovers diskutiert. Die Frage nach der "Hilfe zum Sterben" stellt sich in unterschiedlichen Situationen. Sie kann sich auf einen Menschen beziehen, der im Sterben liegt, schwer oder unheilbar krank ist. Wer in solch einer Situation unerträglich leidet oder im Fortleben keinen Sinn mehr sieht, äußert dann eventuell den Wunsch nach "Erlösung" durch Sterbehilfe. Anders stellt sich die Frage bei einem Patienten, der dauerhaft bewusstlos oder bewusstseinsgetrübt ist. Er kann sich nicht mehr selbst zu einem "medizin-technisch" möglichen, aber therapeutisch fragwürdigen Einsatz lebensverlängernder Maßnahmen oder deren Abbruch äußern. Auch bei einem nicht äußerungsfähigen, schwerst geschädigten Neugeborenen kann sich die Frage stellen: Was tun, wenn dessen Lebenserwartung sehr gering ist oder dessen Leben mit großen Qualen verbunden wäre?
Auf jeden Fall ist es nun nicht mehr möglich, Leben zu verlängern, wenn dies dem Patientenwillen widerspricht. Ein Arzt handelt im Einklang mit dem Gesetz, wenn er eine lediglich lebenserhaltende Behandlung unter der Voraussetzung abbricht, dass sein Patient dies verlangt oder es in einer Patientenverfügung für derartige
Situationen festgelegt hat. Bleibt der Wille des Patienten ungeklärt - etwa im Falle der Bewusstlosigkeit des Patienten und einer nicht vorhandenen oder mängelbehafteten schriftlichen Patienten- verfügung, müssen nach dem seit September 2009 geltenden Patientenverfügungsgesetz Arzt und Betreuer (in der Regel: Angehörige) den mutmaßlichen Wille des Patienten ermitteln. Nur in Fällen, in denen zwischen Arzt und Betreuer Meinungsverschiedenheiten bestehen, ist das Gericht einzu- schalten.
Wer hingegen andere beim Suizid unterstützt, kann wegen unterlassener Hilfeleistung belangt werden. Dies gilt in besonderem Maße für Garanten. Unter Garanten werden Menschen verstanden, die aufgrund einer engen Beziehung zur betreffenden Person oder aufgrund ihrer Position in besonderem Maße zu Rettungshandlungen verpflichtet sind. Darunter fallen zum Beispiel Verwandte, Ehepartner, aber auch Ärzte, Polizisten oder Sanitäter. Suizid unterstützend meint die Durchführung von lebensverkürzenden Maßnahmen auf ausdrücklichen oder mutmaßlichen Wunsch eines Menschen, meist durch tödliche Dosen von Medikamenten oder Gabe eines tödlichen Gifts. Hierbei wird die entscheidende Tat nicht von der betroffenen, sondern von einer dritten Person vollzogen. Wegen unterlassener Hilfeleistung können Freiheitsstrafen bis zu einem Jahr drohen. Verboten bleibt diese Tötung auf Verlangen nach § 216 StGB, es drohen Freiheitsstrafen zwischen sechs Monaten und fünf Jahren.
Insgesamt wird die Diskussion über eine Liberalisierung der Sterbehilfe in den letzten Jahren zunehmend intensiv geführt. Die Gegner befürchten, Ältere und Kranke könnten unter Druck gesetzt werden, weil sie eine soziale oder finanzielle Belastung für ihre Angehörigen darstellen. Christliche Vertreter betonen, dass nach ihrer Überzeugung nur Gott das Leben gibt und nimmt. Ein weiteres Konfliktmoment liegt in der berufsethischen Verpflichtung des Arztes zur Lebenserhaltung. Immerhin könnte dieser letzte Konflikt in nächster Zeit ein wenig entschärft werden, da das ärztliche Handeln nun sogar unabhängig von der Art und dem Stadium der Erkrankung am Patientenwillen auszurichten ist.

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Bilder: Arzu Tuncel